
GUTEN TAG , WIR SIND HELDEN !
Kleine Warnung vorab: Der folgende Text enthält drei Witze.
Keine klassischen Pointen, deshalb muss man sie ankündigen. Oft wird Ironie
ja nicht bemerkt, wenn an den entsprechenden Stellen keiner mit dem roten Handtuch
wedelt - die Vier von der Band Wir sind Helden glauben auch nicht wirklich,
sie seien die neuen Helden des Alltags, nur weil sie auf ihrem ersten Album
singen: "Wir kommen, um die anderen Helden abzumelden." Wer schon
mal auf dem Einwohneramt einer Großstadt war, der weiß, wieviel
Warterei und Papierkram solche An- und Abmelderei kosten. Ein Lied ist zu wenig,
so naiv ist die Helden-Band nicht.
Gerade deshalb tut es ungeheuer gut, wenn eine junge Popgruppe in Zeiten von
Plastikmusik und gecasteten Superstars... wären Sie drauf reingefallen?
So beginnen zurzeit ja alle Presse-Infos, die von den Guten, auch die von den
Bösen. Die Leute vergessen, dass alle Musik irgendwie aus Plastik ist und
alle Bands immer gecastet werden: Auch die Mitglieder von Wir sind Helden mussten
sich gegenseitig entdecken, im Dschungel von Berlin und Hamburg, und feststellen,
dass diese Kombination die beste aller möglichen Bands ist. "Guten
Tag", der erste Helden-Hit, das "Ça Plane Pour Moi" für
die neue Zeit, die Barrikaden-Pop-Beschwerde an die Geschäftsführer
der Gegenwart hatte dieses großartige Comic-Hampel-Video, an das sich
alle erinnern - "Konsumkritik + Sex = € !" stand da in der Denkblase
des Manager-Darstellers.
Dass auch das nur Ironie war, müssen Wir sind Helden erst mal beweisen.
Und, Überraschung, sie beweisen es schon mit diesem allerersten Album.
Wir sind Helden sind Judith Holofernes (26, Gesang, Gitarre, Konsumkritik),
Mark Tavassol (29, Bass), Jean-Michel Tourette (27, Keyboards, Gitarre) und
Pola Roy (27, Schlagzeug, Bart). Weil Judith den Großteil der Texte schreibt,
fangen wir mit ihr an: Als Teenagerfrau sang sie in der Fußgängerzone
Freiburgs Songs von Bob Dylan, Elvis Costello, David Bowie und vor allem ihre
eigenen, zog dann nach Berlin und wurde vorläufig Caféhaus-Folk-Sängerin,
die aber immer eine Band wollte. Eine richtige Gang mit Geheimzeichen und so,
am liebsten mit Jungs. Die drei Jungs, die von ihrem Glück noch nichts
ahnten, hatten auch schon viel Musik hinter sich, als Judith im Sommer 2000
bei einem Besuch in Hamburg Pola und Jean kennenlernte. Mark wurde etwas später
hinzugezogen, am Ende überredete Judith die fertige neue Band dazu, ihr
nach Berlin zu folgen, natürlich nicht nach Mitte, sondern mehr so nach
Kreuzberg. Sie war, naja, ein Drittel erfolgreich. Pola kam mit, Mark und Jean
hausen zwar unter der Woche in Schlafsäcken auf dem Balkon von David Bowies
ehemaligem Berliner Zahnarzt, wohnen aber weiter offiziell in Hamburg bzw. Hannover.
"Guten Tag" war der Titelsong einer selbst produzierten 5-Track-CD,
der überraschend und ganz ohne Einsatz von Geld oder Promotion-Geschenken
von den Radios gespielt wurde.
Derart angestachelt, drehte die Band mit der Berliner "Filmlounge"-Gruppe
das erwähnte Video. Und kam in die MTV-Rotation, obwohl Wir sind Helden
noch keinen Plattenvertrag hatten. Das ist übrigens keiner der drei angekündigten
Witze.
Das Album "Die Reklamation" beantwortet nun den ersten, entscheidenden
Schwung Fragen, die man den Helden stellen mag. Vor allem die, wie sie eigentlich
klingen: wie New Wave, also Stranglers, The Police, Ideal, XTC, wie Indie-Rock,
also Weezer, Elastica, wie Songwriter-Pop, vor allem bei den Liebesliedern.
Ein von Judith im Kopfstand gespieltes, zwölfminütiges Gitarrensolo
im Stil von Led Zeppelin kam leider nicht auf die Platte, weil die Jungs beim
Anhören Minderwertigkeitskomplexe bekamen. Dafür singt sie noch mehr
in diesem wundervollen, zeitlosen Tonfall, den man so nur von einem Mann kennt,
von Rio Reiser. "Die Zeit heilt alle Wunder" könnte von ihm sein,
ein Wunder für die, die sich Judith Holofernes nur als blitzrhetorische
Beschwerdeführerin vorstellen können.
Klar gibt es hier Protestsongs, die sich nicht nach Wenn und Aber umgucken,
mit dem Keyboard als Aufmerksamkeitssirene und dem Beweis, dass so genanntes
Rocken vor allem eine Frage der Intensität ist. Es gibt ein Wutlied über
zementierte Liebe namens "Denkmal", die herausfordernd gelärmte
Bitte "Kannst du mein Monster halten?", einen becircenden Pop-Stomp
über die Probleme, die "Aurélie" aus Frankreich mit deutschen
Flirtgewohnheiten hat. Die Kernsätze dieser Texte werden Sie ohnehin demnächst
auf Schulmäppchen, Aufklebern, in E-Mail-Betreffzeilen und auf Hauswänden
ganz in Ihrer Nähe finden. Wenn nicht, schreiben Sie es sich doch aufs
eigene T-Shirt: "Lassen Sie uns durch, wir sind Arzt!"
Noch kurz die Auflösung: Natürlich ist David Bowie NIE in Berlin zum
Zahnarzt gegangen, natürlich spielt Judith Holofernes KEINE Gitarrensoli.
Und natürlich wurden Wir sind Helden NICHT von einem blümchenblauen
Elefanten gefressen und dann direkt auf die Bühne des Madison Square Garden
gespuckt. Hat ja auch keiner behauptet.
~~~~Quelle: www.wirsindhelden.com~~~~